Wenn Touristen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz nach Rumänien fahren, sehen sie im Rumänen gerne so etwas wie den „edlen Wilden“: arm, aber lustig und trinkt und feiert gerne. Welche Erfahrungen man auch immer gemacht haben mag, egal in welcher Region der Welt: das Verhalten gegenüber einem Reicheren, der für kurze Zeit da ist, ist völlig anders als gegenüber jemandem, der für längere Zeit vor Ort ist.

 

Ich könnte es mir einfach machen, von großer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft sprechen, was ja auch stimmt. Ich ziehe es dennoch vor, über den „Kulturschock Rumänien“ zu schreiben. Wer nach Rumänien fährt oder hier mit Rumänen zu tun hat, kann die Lage dann besser einschätzen.

Zuerst einmal sind Rumänen höfliche Menschen. Das äußert sich darin, dass man immer was anbieten bzw. immer was ausschlagen muss. „Aber nimm doch“ - “aber nein“ und das geht dann mehrere Male so, bis die beiden sich geeinigt haben. Wenn mir einer sagt, ich soll mich auf den Platz da setzen, dann tue ich das. Das ist aber grob unhöflich, denn ich müsste sagen „aber nein, das ist der beste Platz, der gebührt dir“ und dann geht auch dieses Ritual ein paar Minuten, bis die beiden sich einig sind.

Man will höflich sein und man will den anderen nicht enttäuschen. Also kann man nicht sagen, dass man etwas nicht weiss – denn sonst wäre der Gegenüber ja enttäuscht. Lieber schickt man ihn in die falsche Richtung, dann freuen sich beide.

Wenn ich mit dem Auto zum Parkplatz fahre (in diesem Fall in Busteni) und den Parkplatzwächter frage, ob die Seilbahn heute überhaupt fährt, er "ja" sagt (obwohl es nicht stimmt) und das Geld kassiert, dann hat das nichts mit Boshaftigkeit zu tun, sondern mit Höflichkeit. Denn ich wäre ja bestimmt enttäuscht zu erfahren, dass die Seilbahn heute nicht fährt.

"Hin halten" und "passiver Widerstand" gehören auch dazu. Bei einem größeren gemeinsamen Vorhaben passt mal dieses nicht, mal jenes nicht. Irgend wann stellt sich heraus, dass der Partner das überhaupt nicht will und die ganze Mühe umsonst war. Auch dies war kein Akt der Boshaftigkeit, sondern der Höflichkeit. Dass man sich über solch ein Verhalten aufregen kann, stößt auf völliges Unverständnis.

Wenn ich dort längere Zeit leben müsste, würden die mich in den Wahnsinn treiben bzw. ich würde als „Edwin the Ripper“ in die rumänische Kriminalgeschichte eingehen.

Es sind aber nicht alle so und etlichen geht das Verhalten auf den Nerv. Wer mit Rumänen zu tun hat, sollte am Anfang herausfinden, ob er es mit einem „Höflichen“ oder „Unhöflichen“ zu tun hat.

Natürlich gibt es Mentalitätsunterschiede innerhalb des Landes: Bei allem, was aus Bukarest oder östlich davon kommt, ist Vorsicht geboten. Sagen zumindest die aus dem Westen. Tatsächlich hatten wir im Westen überhaupt keine Probleme, im Osten gab es dafür 3x den (erfolgreichen) Versuch, uns zu übervorteilen. Das waren aber alles kleinere Fälle, die uns nicht sehr weh getan haben.

Denen hat das auch nicht weh getan. Ein schlechtes Gewissen haben die auch nicht, zumal die weit verbreitete Vorstellung vorherrscht „die haben’s ja“.

„Recht und Gesetz“ sind nicht des Rumänen Sache. Weder bei der Einhaltung noch bei der Strafverfolgung. Wer in Deutschland im Justizwesen tätig ist (etwa im Scheidungsrecht), mit Rumänen zu tun hat und auf die Paragraphen verweist, hat gute Chancen, aufs Übelste beschimpft zu werden. Ich kenne solche Fälle.

Verträge sind schnell gemacht; deren Einhaltung ist wieder eine andere Sache. Spätestens ab dem ersten Änderungswunsch sollte man vorsichtig sein.

Dem entsprechend sind viele Rumänen generell misstrauisch und arbeiten nicht gerne zusammen. Misstrauen herrscht auch gegenüber dem Internet. Es gibt kaum Bestellungen übers Internet. Zumindest haben wir in den gut 5 Wochen auf Rumäniens Straßen kein einziges Postauto, egal ob staatlich oder privat, gesehen. Meist funktionieren die Hotel-Buchungen, aber zur Vorsicht ist ein absicherndes Telefonat kein Schade. Mit Girokonten und Kreditkarten haben die auch ihre Probleme – lieber die alltäglichen Geschäfte persönlich bei der Post erledigen.

Das Bild, das der Rumäne nach außen verkörpert, geht ihm über alles. Ob etwas „funktioniert“, sei es die Uhr oder die Beziehung, ist nicht so wichtig – Hauptsache, es sieht gut aus und macht einen guten Eindruck.

Noch etwas Absurdes zum Schluss: Die Beziehungen sind manchmal etwas „lebhaft“ und das wird nicht als schlimm empfunden. Sonst wäre es ja langweilig. Anscheinend kriegen die Kinder das schon im Mutterleib mit und sind nach der Geburt deutlich unruhiger und schreien öfter als im westlichen Europa. Diejenigen, die längere Zeit in Rumänien gelebt haben und dann in den Westen kommen, wundern sich meistens, wie ruhig hier die Kinder sind.

Auch, wenn es so aussieht: Ich wollte hiermit die Rumänen nicht anschwärzen. Die meisten sind nicht so, wie geschildert. Aber eine qualifizierte Minderheit. Wer viel mit Rumänen zu tun hat oder haben wird, wird unweigerlich auf solche Menschen stoßen. Und kann sich im Vorfeld schon Gedanken machen, wie er darauf reagieren kann.