Eigentlich wollte ich mit dem Bericht warten, bis wir ganz Rumänien umrundet haben (zumindest die touristisch interessanten Teile). Da für die meisten unter uns diese Art der teuflisch und höllisch guten Darstellungen vollkommen neu sein dürfte, wollte ich meinen Lesern diese nicht vorenthalten.

In Vinga (im nördlichen Banat) besuchten wir eine sehr schöne bulgarische Kirche und hatten die Möglichkeit, dort mit dem Pfarrer ein Gespräch zu führen. Danach fuhren wir Richtung Arad. Nichts Böses ahnend führt uns die Straße durch das Dorf Sagu mit einer interessanten Kirche. Und da interessante Kirchen einen fast unwiderstehlichen Reiz auf uns ausüben, sehen wir uns diese näher an.

Neben großartigen Sachen haben wir auch schon viel Kurioses in und an Kirchen gesehen – aber das war der Höhepunkt: viele Teufelchen, die wie in einem Comic Strip die Sünder piesacken. Das war natürlich nicht schön für die Sünder, aber auf uns haben die Bilder keinen grausamen Eindruck gemacht, sondern einen humorvollen.

Im Lauf unserer beiden Rumänien-Reisen haben wir mehrere Darstellungen an Dorf-, Stadt- und Klosterkirchen gesehen. Diese sind allerdings nicht die Regel. Wir waren in vielen Kirchen und seit dem ersten Erlebnis war ich kaum mehr zu bremsen, wenn ich eine rumänisch-orthodoxe Kirche gesehen hatte. Die höchste Trefferquote war in der westlichen Walachei (mit maximal der Hälfte an teuflischen Darstellungen); im Banat, der östlichen Walachei, der Dobrudscha und in Siebenbürgen haben wir nur wenige weitere angetroffen.

Rumänien ist ein Vielvölkerstaat. Es gibt ca. 2/3 „richtige“ Rumänen und nur für diese ist die rumänisch-orthodoxe Kirche relevant. Und von diesen sind auch noch etliche in anderen Kirchen, etwa der römisch-katholischen oder der unierten (katholisch, aber byzantinischer Ritus). Und die Teufelchen gibt’s nur an den rumänisch-orthodoxen Kirchen zu sehen. Diese sind dann immer auf der rechten Seite des Vorraums angebracht (links sind die Glücklichen im Paradies, rechts die Unglücklichen). Meistens führt ein großer Feuerstrahl in den Rachen eines Untiers. In diesem Feuerstrahl und daneben treiben dann die Teufelchen ihr Unwesen; teilweise unterstützt von Tieren oder Fabelwesen, die die Sünder piesacken oder gleich ganz fressen.

Von den Rumänen finden viele diese Darstellungen genauso lustig wie wir – auf viele hat das aber auch die gegenteilige Wirkung. Ich kenne eine sehr gläubige Frau, die felsenfest davon überzeugt ist, in der Hölle zu landen. Und eine Nonne im Kloster Ramet hat uns erklärt, dass die dortigen Darstellungen noch zu harmlos sind – das, was den Menschen dort widerfahren wird, wird viel schlimmer werden ...

Dass im Lande große Empörung herrschte, als bekannt wurde, dass in den neuen Personalausweisen der EU die Zahlenkombination 666 (angeblich die Zahl des Teufels) nicht ausgeschlossen war, gehört auch dazu.

Sagu

Sagu ist ein kleines Dorf mit einer großen Kirche und liegt auf der Straße zwischen Vinga und Arad im Banat.

 

 

Kloster Ramet

Einsam und mitten im Gebirge liegt das Kloster Ramet in Siebenbürgen.

 

 

Dort ist auch schriftlich hinterlegt, wer gemeint ist (das ist allerdings nicht repräsentativ – es sind immer wieder andere Arten von Sündern gezeichnet. Hier sind Judas und Belzebub:

 

 

Judas am Haken:

 

 

Die Habgierigen:

 

 

Tod des unbarmherzigen Reichen:

 

 

Die bestechlichen Richter:

 

 

Kriminelle, Bösartige + Götzenanbeter

 

 

Besudler der Messe

 

 

Die Seelenverdunkler:

 

 

Urteilsspruch über Juden, Pharisäer, Türken …

 

Kloster Turnu

Ebenfalls im Gebirge liegt das Kloster Turnu, diesmal in der Walachei.

 

 

Kloster Cozia

In der Nähe vom Kloster Turnu liegt das Kloster Cozia, ebenfalls in der Walachei gelegen.

 

 

Kloster Govora

Auch das Kloster Govora liegt in der Walachei.

 

 

Kloster Horezu

Es gibt nicht nur viele Klöster in der Walachei, hier gibt es auch die meisten Teufelchen zu sehen.

 

 

Und hier mein Lieblingsbild: Teufel müsste man sein

 

 

Horezu

Nicht nur das Kloster Horezu hat einiges zu bieten: Auch die Kirche im Ort ist einen Besuch wert.

 

 

Polovragi

Auch Polovragi hat ein Kloster aufzubieten - dort gibt es aber leider keine Teufelchen zu sehen. Dafür an einer in der Nähe gelegenen Kirche.

 

 

Kloster Tismana

... und wir sind immer noch in der Walachei.

 

 

Patriarchie-Kathedrale in Bukarest

Der Sitz des Patriarchen der rumänischen Orthodoxie ist zwar schön hergerichtet; die Teufelchen könnte man aber mal restaurieren.

 

 

Kloster Antim in Bukarest

An der Klosterkirche gibt's zwar schöne und lustige Sachen zu sehen, aber keine Teufelchen. Die gibt's dann aber versteckt an einem Seiteneingang einer Kapelle. Ebenfalls stark renovierungsbedürftig.

 

 

Mangalia

Dies ist nicht die größte Kirche in Mangalia in der Dobrudscha, aber schön ist sie allemal.

 

 

Constanta

Und zum Schluss die Kathedrale in Constanta, ebenfalls in der Dobrudscha gelegen. Hier sind die Teufelchen freundlicher als sonst ...

 

 

Etwas über die Rumänisch-Orthodoxe Kirche

Ich hab‘ nun wahrlich keinen tieferen Einblick in diese Kirche, aber fürs erste wollte ich mal eine kleine Orientierung geben. Während im westlichen Europa viele ganz gut Bescheid wissen über Religionen und Kirchen etwa in Fernost, ist es kein Schade, einen kleinen Überblick zu haben über das, was sich in einem relativ nahen EU-Land abspielt.

Viele Rumänen sind gläubig bis tiefgläubig. Und zwar in der von mir so eingeteilten Kategorie 3 (Kategorie 1: der Glaube wird mit einem ethischen und sozialen Ansatz verbunden; Kategorie 2: Glaube ja, aber man nimmt’s nicht so richtig ernst, ist aber froh, gewisse Leitlinien und Vorbilder zu haben; Kategorie 3: der Glaube wird ernst genommen – aber auch nur der: Ethik hat damit überhaupt nichts zu tun und somit kann man ohne Widerspruch gleichzeitig der größte Lügner, Betrüger und der größte Gläubige sein).

Wer tiefgläubig ist, ist auch anfällig für Aberglaube. Da kann die Kirche noch so sehr dagegen wettern, zum Beispiel gegen Horoskope – der Erfolg ist, zumindest in Rumänien, sehr bescheiden.

Die Kirchen sind relativ klein, was damit zu tun hat, dass die gemeinsamen Gottesdienste eine eher untergeordnete Bedeutung haben. Was wichtig ist, ist der persönliche Kontakt mit dem Popen, für den der Begriff „Seelsorger“ noch untertrieben ist. Bei dessen „Sprechstunde“ in der Kirche findet das Gespräch statt, bei dem es neben Gott auch um die Welt geht: Was mache ich mit der kranken Oma (Antwort: sie soll Orangensaft trinken) oder soll ich eine Operation der Gebärmutter durchführen lassen (Antwort: weg damit – dann kann sie dich nicht mehr ärgern). Die Wartenden stehen nur ein paar Schritte entfernt und kriegen das Ganze mit.

Als Pope hat man theoretisch ein schönes Leben – wenn es nicht die Leute gäbe, die außerordentlich redselig sind, niemanden zum Reden haben und deshalb dem Popen alles erzählen müssen (und oft auch immer wieder das Gleiche). Und dann zum heiligen Zorn führen kann nach dem Motto: Jetzt reicht’s, ich will davon nichts mehr hören.

Die drei geschilderten Fälle sind übrigens keine Erfindung von mir – ich kenne diese.

Ein Teil der Liturgie findet hinter einer Wand statt – Pope und Diakon sind dann zwar zu hören, aber nicht zu sehen. Einmal kamen wir am frühen Abend in solch eine Messe einer abseits gelegenen Kirche. Wir waren die einzigen Menschen in der Kirche und konnten die beiden in ihren Gesängen hören.

Die rumänisch-orthodoxe Kirche war schon immer eng mit dem Staat verbunden, selbst in den kommunistischen Zeiten, in denen mehrere Kirchenvertreter in der Nationalversammlung saßen. In den Gottesdiensten wird für das persönliche Wohl der Repräsentanten des Staates gebetet (auch für Nicolae Ceausescu in seiner Zeit). Bei uns kenne ich aus den Fürbitten (und das eher selten), dass „den verantwortlichen Politikern“ bei wichtigen Entscheidungen geholfen werden soll, aber nicht, dass etwa Angela Merkel ein langes und glückliches Leben haben möge.

Seit der Wende führt sich die rumänisch-orthodoxe Kirche den anderen Kirchen im Land gegenüber recht dominant auf – sehr zum Leidwesen von diesen (mehr darüber im Bericht über das Banat). Unter anderem hat sie der katholischen Kirche zu verstehen gegeben, dass sie das Wirken der Caritas als „Missionierung“ verstehe und dass das zu unterbleiben hat.

Im Kommunismus ging es der Kirche nicht schlecht – seit dem Ende desselben geht’s ihr aber hervorragend. Abgesehen vom Zustrom an Menschen, erhielt die Kirche die ehemals enteigneten Grundstücke wieder zurück (und das waren sehr viele Grundstücke). In den letzten 20 Jahren sind über 3.000 Kirchen bzw. Klöster neu gebaut worden.

Wenn ich richtig gezählt habe, haben wir 23 Klöster besucht – alle sehr, sehr schön. Da sieht nichts „alt“ oder gar renovierungsbedürftig aus.

In Bukarest soll jetzt auch eine neue, repräsentative Kirche gebaut werden. Im ganzen Land gibt es dafür Spendenaufrufe, meistens an den Kirchen angebracht. Kostenpunkt: 300 Millionen Euro. Anbei habe ich noch einen link, wie diese Kirche einmal aussehen wird: http://www.dailymotion.com/video/xli8kh_tur-virtual-al-catedralei-mantuirii-neamului_shortfilms

 

Hölle, Tod und Teufel

Es muss weder Hölle noch Teufel geben. Das ist zum Beispiel im jüdischen Glauben so. Im gesamten Alten Testament ist exakt zweimal vom Satan die Rede: im Buch Hiob und kurz beim Propheten Sacharja (Zacharias). Beide Male als eine Art „Staatsanwalt“. Von der Hölle als einem trostlosen Ort ist zwar ab und zu mal die Rede – aber keineswegs als Ort, in dem man gepeinigt wird.

Im besten Fall gibt es eine Wiederauferstehung; ganz schlimmen Menschen droht der ewige Tod (also das, was im Buddhismus das glückliche Ende bedeutet).

Dies die offizielle Version; inoffiziell gibt es viele unterschiedliche Vorstellungen über das Leben nach dem Tode. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man ein Jahr lang gequält wird.

Das Schlimmste im Christentum ist die ewige Qual. Die Frage ist, wer gequält wird und wer nicht. Zumindest ist die Zahl derer bekannt, die nicht gequält werden: 144.000 werden laut der Offenbarung (Apokalypse) in das Himmelreich eingehen; der Rest hat Pech gehabt.

Einen verhängnisvollen Einfluss hatte Augustinus von Hippo Anfang des 5. Jahrhunderts mit seiner Lehre der Erbsünde und Gnade Gottes. Ausgehend von Paulus‘ Brief an die Römer sind seit Adam alle Menschen verdammt und mit Jesus werden zumindest einige von ihnen erlöst, eben diese 144.000. Die Erlösung erfolgt durch die Gnade Gottes, keinesfalls durch eigene Taten: Man kann noch so gläubig sein, noch so gute Taten vollbringen – die Chance dafür gequält zu werden, dass man Mensch war, ist sehr, sehr hoch (so ähnlich äußerte sich auch Martin Luther in seinem berühmten Disput mit Erasmus von Rotterdam).

Erbsünde und Gnadenlehre waren von Anfang an umstritten und heiss umkämpft, vor allem Julian von Aeclanum hat Augustinus‘ Theorien in ihre Einzelbestandteile zerlegt. Augustinus hat sich dennoch durchgesetzt und es hat viel Schweiss (und Blut) bis zum 18. Jahrhundert gekostet, bis Augustinus‘ Lehre (zumindest im westlichen Europa) zurückgedrängt war.

Da die Juden das Konzept der Erbsünde überhaupt nicht kannten und Adams „Sündenfall“ sehr viel anders interpretieren, heisst das für den ehemals jüdischen, jetzt christlichen Gott Folgendes: 4.000 Jahre lang ist er so halbwegs zufrieden. Auf einmal ist er wg. Adam beleidigt und verdammt die gesamte Menschheit. Dafür schafft er einen Teufel und eine Hölle. Um ein paar von den Menschen zu erlösen, schafft er einen Heiligen Geist und einen Sohn und lässt diesen ans Kreuz nageln. Wozu ist nicht klar, da er die meisten Menschen ohnehin quälen will – und zwar ewig. Warum ein Mensch erlöst wird und wer diese Menschen sind – keiner weiss es.

Das war jetzt sehr salopp ausgedrückt, aber im Grunde sehr lange Zeit gängige Meinung.

Da nur getaufte Christen die Möglichkeit hatten, nicht in die Hölle zu kommen, entstand das Problem, was mit denen tun, die vor Jesus gelebt hatten. Aus diesem Grunde wurde eine „Vorhölle“ geschaffen, in der sich solche Leute wie Abraham, Moses oder Aristoteles aufhalten durften.

Exkommunikation wie Kirchenbann wurden beliebte politische Druckmittel: So belegten sich die katholische und die byzantinische Kirche damit gegenseitig zwischen 1054 und 1965 (und damit jeweils die Verurteilung zur Hölle für ihre Mitglieder) und die katholische Kirche alle protestantischen Kirchen bis 1870.

Zumindest im westlichen Europa ist es besser geworden. Die Hölle ist quasi abgeschafft, es dürfen mehr als 144.000 Menschen ins Paradies und das Schlimmste, was Einem passieren kann, ist die Einsamkeit und „Abwesenheit Gottes“. In einer Fernsehsendung aus dem Jahr 2007 prägte der evangelische Bischof Wolfgang Huber den Begriff der „Höllenforschung“, die zu solchen Ergebnissen käme und Heiner Geißler sagte in der selben Sendung „Die Existenz der Hölle ist unvereinbar mit der Existenz eines gütigen Gottes.“

Lange Rede, kurzer Sinn: Man kann die in diesem Bericht dargestellten Teufelchen lustig finden, sollte sich aber nicht lustig machen über solche Leute, die daran glauben und auch nicht denken, sie seien „zurück“ geblieben, nur weil deren Höllenforscher zu anderen Erkenntnissen gekommen sind.